Haltet das Fasten, feiert das Fest
2009-03-17 - wnp - 2 Kommentare
Dieser Artikel von Peter Leithart erschien am 17. März 2009 auf der Seite des Journals First Things. Hier ist das englische Original. Peter Leithart ist Senior Fellow for Theology and Literature am New Saint Andrews College in Moscow, Idaho, USA, und Pastor der dortigen reformierten Gemeinde.
Im Laufe der Jahrhunderte haben Christen aus vielerlei Gründen gefastet. Machmal waren es gute Gründe. Die Apostel und ihre Gemeinden haben gefastet, bevor sie Älteste ausgewählt oder Missionare ausgesandt haben. Christen haben aus Trauer über ihre Sünden gefastet. Sie haben gefastet und gebetet, um Dämonen zu bekämpfen und Gott um Verschonung von Katastrophen anzuflehen.
Oft haben sie aber auch aus schlechten Gründen gefastet. Sie haben gefastet, weil sie das Fleisch für böse hielten, oder weil sie sich schuldig gefühlt und dabei vergessen haben, daß Gott in seiner Liebe seinen Sohn gesandt hatte, um sie von ihren Sünden zu reinigen, oder weil sie Gott mit ihrer Frömmigkeit beindrucken wollten.
Trotz Fehlern und Mißbrauch hatten Christen in der Vergangenheit ein gutes intuitives Verständnis der zentralen Rolle, die Fasten im Leben des Christen spielen sollte. In der frühen Kirche war Fasten nicht eine vereinzelte Praxis für irgendeinen besonderen Tag oder eine bestimmte Jahreszeit, sondern ein Hinweis, eine Perspektive dafür, worum es in einem Leben der Jüngerschaft eigentlich geht. Christ zu sein hieß, an einem großen Fest teilzunehmen, Es hieß auch, ein großes Fasten einzuhalten.
Das stimmt in mehrfacher Weise. Fasten zeigt, daß Jüngerschaft immer “kreuzförmig” ist. Es erinnert uns, daß wir Jesus nicht nachfolgen können, wenn wir nicht zu uns selbst “Nein!” sagen, und unser Kreuz auf uns nehmen. Fasten weist darauf hin, daß Jesus von uns erwartet, die sündigen Wünsche und Gewohnheiten, die uns plagen, zu bekämpfen und zu überwinden. Fasten zeigt auf, daß das christliche Leben ein Leben der Liebe ist. Viele der Kirchenväter haben das unterstrichen, indem sie Yahweh’s Worte in Jesaja 58 zitierten:
Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe:
daß ihr ungerechte Fesseln losmacht,
daß ihr die Knoten des Joches löst,
daß ihr die Unterdrückten freilaßt
und jegliches Joch zerbrecht?
Besteht es nicht darin,
daß du dem Hungrigen dein Brot brichst
und arme Verfolgte in dein Haus führst,
daß, wenn du einen Entblößten siehst, du ihn bekleidest
und dich deinem eigenen Fleisch nicht entziehst?
Aber alle diese Einsichten treffen noch nicht die wesentliche Bedeutung des Fastens. Basilius von Cäsarea kommt ihm schon näher, wenn er sagt, daß das erste Gebot, das Adam gegeben wurde, ein Verbot war, zu essen — Basilius nannte es das “göttliche Gesetz des Fastens und der Enthaltsamkeit”. Basilius hatte recht, aber nur teilweise. Um herauszufinden, warum, müssen wir Adams ursprüngliches Fasten im Garten Eden betrachten.
Bevor Gott Adam sagte, er dürfe nicht von dem Baum der Erkenntnis essen, hatte er ihm bereits alle anderen Bäume des Gartens als Nahrungsquellen angeboten. “Siehe, ich habe euch alles samentragende Gewächs gegeben, das auf der ganzen Erdoberfläche wächst, auch alle Bäume, an denen samentragende Früchte sind. Sie sollen euch zur Nahrung dienen,” (1Mo 1,29) und “Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen” (1Mo 2,16). In diesem Angebot der Nahrung hat Yahwe ihm mehr als Nahrung angeboten. Er hat ihm die ganze Schöpfung angeboten. Er formte Adam, stellte ihn in eine Welt voller schöner und wertvoller Dinge und sagte, “Das ist alles für dich. Genieße es!” Gott hat Adam hungrig erschaffen, und hat ihm dann eine Welt vorgesetzt, die seinen Hunger stillen konnte, solange er in Gemeinschaft blieb mit seinem Schöpfer.
Daran sehen wir, wie Adams Fasten hineinpaßt. Yahweh hat Adam ein Gesetz des Fastens gegeben, aber erst, nachdem er ihn zu einem Fest eingeladen hatte. In der Bibel kommt das Fest vor dem Fasten, ist das Fest wichtiger als das Fasten. “Iß, trink, und erfreue dich” ist das erste Wort, das Gott zu Adam spricht, und es ist das letzte Wort, das Jesus zu seiner Braut spricht. Das Fasten ist ein wesentlicher Teil der Geschichte, aber Fasten hat immer mit Festen zu tun.
Selbst Adams Fasten vom Baum der Erkenntis war nicht auf Dauer ausgelegt. Irgendwann hätte Yahweh ihm auch die Frucht dieses Baumes zu Essen gegeben. “Erkenntnis des Guten und des Bösen” ist eine königliche Erkenntnis und richterliche Weisheit (sie 1 Kön. 3,9). Nach langer Erfahrung erlangen reife Menschen die Erkenntnis des Guten und des Bösen die sie brauchen, um an Yahweh’s Herrschaft über seine Schöpfung teilzuhaben (siehe Heb 5,14). Nackt und neugeboren im Garten war Adam noch nicht bereit für diese Frucht. Er mußte erst Milch trinken, bevor er Fleisch verdauen konnte. Eines Tages jedoch wäre die gute Frucht des Baumes der Erkenntnis auf seinem Speiseplan gelandet.
Das Fest feiern ist der Anfang und das Ziel, aber Adam konnte sich des vollen Fests nur erfreuen — wirklich erfreuen — indem er zuerst das Fasten einhielt. Irgendwann sollte er auch mit dieser verbotenen Frucht feiern, aber nur, indem er auf Erlaubnis wartete, nur indem er wartete, bis er bereit war. Dieses Muster gilt nicht nur für den Baum der Erkenntnis, sondern auch für alles andere. Adams Fasten vom Baum der Erkenntnis war ein Muster, ein Beispiel dafür, wie er mit allem umgehen sollte, das Gott ihm gab. Wenn Adam mit all den anderen Früchten ein Fest feiern wollten, mußte er den Garten “bebauen und bewahren”. Wenn er das Gold des Landes Hawila haben wollte, mußte er sich entweder über Land oder auf dem Fluß Pison dorthin begeben (1Mo 2,11-12) und es ausgraben. Um den ganzen Reichtum dessen, was sein Vater ihm anbot, zu genießen, mußte er warten und arbeiten, eine lange Zeit. Um das Festmahl zu genießen, mußte er fasten, bis er und das Mahl bereit waren.
Natürlich, wie wir wissen, hat er nicht gewartet. Eva sah, daß die Frucht des Baumes gut zu essen war, und begehrenswert, um einen weise zu machen, und so aß sie, und Adam mit ihr. Adam sündigte, weil er es alles haben wollte — Weisheit, Autorität, einen vollen Bauch, den ganzen guten Reichtum der Schöpfung — und zwar jetzt. Er sündigte, weil er zu eilig nach dem Fest griff. Er sündigte, weil er das Fasten nicht hielt, und als Folge dessen verlor er auch die Vorspeise, die er schon hatte.
Jesus ist der letzte Adam, weil er das Fasten hält. Er kommt in eine Welt, die nicht länger ein Garten ist, sondern eine Wüste wo die Stürme heulen, und in dieser Wüste versucht ihn der Satan, das Fasten zu brechen, ein Adam zu sein: “Du hast Hunger, iß das jetzt. Du verdienst den Jubel der Massen, du kannst ihn jetzt haben, wenn du dich von der Zinne des Tempels stürzt. Du willst alle Macht im Himmel und auf Erde, aber dein Vater wird dir das nur geben, wenn du vorher einen grausamen, schandhaften Tod stirbst; du kannst es alles jetzt haben, ohne Kreuz oder Selbstverleugnung. Es gehört dir, und alles was du tun mußt, ist dich ein wenig zu verbeugen. Leben, Herrlichkeit, Macht, was immer du haben willst, was immer dir zusteht — du kannst es alles jetzt haben.”
Jesus hat das abgelehnt, und abgelehnt, und ein drittes Mal abgelehnt, und dadurch hat er die Macht der Sünde Adams gebrochen. Jesus hielt das Fasten, er wartete, arbeitete, litt, starb, und öffnete dann seine Hand, um alles Leben, alle Herrlichkeit, alle Ehre, Macht und Herrschaft zu empfangen, die ihm sein Vater geben konnte. Er hielt das Fasten, und infolgedessen bekam Zugang zu Fülle des königlichen Festes — weil jetzt sowohl er als auch das Fest bereit waren. Und indem er dem Teufel widerstand, hat Jesus uns ein Beispiel des wahren Fastens und eines Lebensstils des Fastens gegeben.
Hier in Idaho sind wir versucht, das Fasten abzutun mit einem unserer lokalen Slogans: Fasten ist gnostisch, weil es davon ausgeht, daß Essen und Trinken und Genuß schlecht sind. Wir sind mehr für Feste als fürs Fasten.
Aber Fasten ist nicht gnostisch. Im Gegenteil, das Fasten zu verweigern, ist gnostisch. Adam war der erste Gnostiker. Gott hat ihm ja das Fasten nicht geboten, weil die Schöpfung schlecht war. Adam sollte nicht warten, weil die Dinge, die er wollte, schlecht waren. Das war alles gut, sehr gut. Warum sollte er warten? Er sollte warten, weil die Dinge, die Yahweh ihm anbot so explosiv gut waren, daß Adam nicht fähig war, sie zu genießen — noch nicht. Er sollte warten, weil die Dinge, wenn er nicht warten würde, explodieren würden.
Wir meinen vielleicht, wir feiern die Güte der Schöpfung, wenn wir uns dieses oder jenes einfach schnappen, ohne vorher das Fasten einzuhalten. Wir denken, wir wären anti-gnostisch, weil wir die Glasur des Hochzeitskuchens schon gekostet haben, bevor er überhaupt angeschnitten ist. Unser Argument: “Diese Frucht ist einfach zu gut, um zu warten, bis sie reif ist.” Aber so ehren wir nicht die Güte der Schöpfung. Ungeduld ist immer im Ansatz gnostisch, weil sie davon ausgeht, daß nichts mit der Zeit besser wird. Es ist nicht gnostisch, statt rohem Fleisch lieber einen Braten essen zu wollen. Fasten ist nicht ein Verleugnen der Schöpfung; es ehrt und feiert vielmehr die Güte dieses grundlegendsten und durchdringendsten aller Geschöpfe, die Zeit.
Und so sehen wir dann, was es heißt, in der Nachfolge Jesu einen Lebensstil des Fastens zu pflegen. So sehen wir, daß Fasten einen Fingerzeig liefert für das christliche Leben, ja für das ganze menschliche Leben und die menschliche Geschichte. Wenn Salomon uns vor den Gefahren schnell erworbenen Reichtums warnt, dann warnt er uns davor, Adams zu sein. Er erinnert uns, das Fasten zu halten. Nach und nach, Stück für Stück, warten und nicht gleich zugreifen, ansparen statt ausborgen: das ist die Wirtschaftslehre des Fastens.
Und die Sexualität des Fastens ist ganz ähnlich. Die Fastenzeit lehrt uns, dem zweidimensionalen, körperlosen Sex eine Absage zu erteilen, der uns im Web, in Zeitschriften, auf Bildschirm und Leinwand begegnet. Die Fastenzeit lehrt uns, zu warten. Aber sie zeigt uns auch, daß wir nicht aus einer prüden Ablehnung des Sex heraus warten, sondern aus Staunen vor seiner geheimnisvollen Kraft. Sex ist so lustvoll, so intensiv reizvoll, daß wir erst lernen müssen, damit umzugehen, bevor wir richtig damit umgehen können. Sexuelle Abstinenz ist das Fasten, das uns für das Festmahl der Ehe vorbereitet. Eine Sexualität des Fastens ehrt die Schöpfung, indem sie darauf besteht, daß wir uns die Zeit nehmen, bereit zu werden.
Auch die Politik des Fastens ist eine Politik der Geduld und der Zurückhaltung. Die Geschichte ist übersät mit dem Schrott und den abgetrennten Gliedmaßen, die von Adamischen Tyrannen zurückgelassen wurden, die nach einer Macht gegriffen haben, mit der sie nicht richtig umgehen konnten. Selbst kompetente Herrscher vergessen, daß Reife alles ist. Christen, die den öffentlichen Raum betreten, sollen sich nicht um einen Platz am Tisch oder auf einer höheren Stufe der Leiter raufen. Christen sollten den öffentlichen Raub betreten um zu dienen, bereit zu warten, bis ihnen die Frucht angeboten wird.
Wohin wir uns auch wenden, die Welt sagt uns, daß wir das Fasten aufgeben sollen. Wohin wir uns auch wenden, ist die Versuchung groß, Adam zu sein. Unsere Kultur ist darauf spezialisiert, unseren Appetit anzuregen und uns zu überzeugen, daß wir alles brauchen, und zwar schon gestern. Wir täschen uns selbst, wenn wir meinen, gegen diese Kultur immun zu sein. Aber es gibt nur wenig, das unsere Widerstandskraft gegen diese Versuchungen so gut stärken kann, wie eine gewissenhafte, nachdenkliche Einhaltung der Fastenzeit sowie die Pflege eines Lebensstils des Fastens. Ja, die Gemeinde Jesu ist eine Festgemeinschaft, aber wenn wir nicht auch gleichzeitig eine Fastengemeinschaft sind, dann spiegeln wir nur die Welt um uns her wider.
Fasten sieht aus wie Feindschaft wider das Leben, aber das Gegenteil ist wahr. Wir können nur im Überfluß leben, wenn wir auch fasten können — das heißt, nur wenn wir diszipliniert genug sind, um zu warten, bis das Fest bereit ist. Die Fastenzeit trainiert uns, ein Volk der Geduld und Zurückhaltung zu sein, ein Volk das sich an einem Gott erfreut, der Zeit hat und uns Zeit gibt, und uns auf die Schätze warten läßt, die er uns gibt. Die Fastenzeit trainiert uns, dem Meister zu folgen, der gefastet hat. Wir müssen diese Lektionen der Fastenzeit und des Fastens lernen, wenn wir das Volk des neuen Adam sein wollen, und nicht nur eine weitere Variante des alten Adam.
(Übersetzt und veröffentlicht mit Erlaubnis von Peter Leithart und First Things. Copyright © 2009 First Things & Peter J. Leithart)



2 Kommentare
In Light of the Gospel » Blog Archive » Peter Leithart: Keep the Fast, Keep the Feast
2009-03-17 um 17:44
[...] interpretation. Leithart blogs here, and he pointed out that the article is already translated into German! Take a moment and read the whole thing (in English, of [...]
In Defense of the Faith Apologetic Ministry » Blog Archive » Peter Leithart: Keep the Fast, Keep the Feast
2009-03-19 um 13:05
[...] interpretation. Leithart blogs here, and he pointed out that the article is already translated into German! Take a moment and read the whole thing (in English, of [...]
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