Unsere Offenheit relativiert?
2009-03-06 - wnp - Keine Kommentare
In einem Gästebuch-Eintrag schreibt ein Leser, der sich Katholik nennt, folgendes:
Ich bin überzeugter Christ – und zwar katholisch. Was mich auf eurer Homepage wundert, ist, dass ihr von konservativen Evangelikalen und erweckten Katholiken schreibt – wenn es um Ökumene geht. Eure angeblich so offene Haltung dem Rest der Menschheit gegenüber wird so sehr schnell relativiert. Weiters ist mir aufgefallen, dass ihr nicht (öffentlich) subventioniert werdet, aber wie sieht es aus, wenn ein Mitglied eurer Gemeinde keine “freiwillige” Spenden zahlen will? Ist er/sie dann auch noch so gerne gesehen?
Also: das kann man natürlich sehr unterschiedlich sehen.
“Offenheit” ist heutzutage natürlich ein generell positiv besetzter Begriff, und bedeutet zumeist, dass man die Meinungen und Erfahrungen anderer akzeptiert und stehen läßt, und sie nicht in Frage stellt.
Ich sehe das etwas differenzierter. Natürlich spreche ich niemandem das Recht auf seine Meinungen und Überzeugungen ab, aber das heißt nicht, daß ich sie für richtig oder wahr halten muß und sie nicht in Frage stellen darf.
Jeder, der glaubt, daß es so etwas wie “Wahrheit” gibt, muß vielmehr ständig Meinungen (die eigene und die von anderen) beurteilen, wie weit sie dieser Wahrheit entsprechen, und abhängig davon entscheiden, mit wem er oder sie zusammenarbeiten kann oder nicht. Gerade in Glaubensfragen ist das sehr wichtig, aber auch z.B. in der Politik und in Fragen der Gesellschaftsverantwortung.
Wenn nun wir Evangelikale uns umsehen und die anderen christlichen Gruppierungen in unserem Land betrachten, wird sehr schnell klar, daß es da Menschen und Gruppen gibt, deren Überzeugungen eher mit unseren eigenen Erkenntnissen harmonisieren, als die anderer Gruppen.
Das ist, angesichts des Spektrums an Meinungen und Überzeugungen allein innerhalb der röm.-katholischen Kirche, nicht sehr verwunderlich. Wie wir gerade in den letzten Wochen erlebt haben, können auch nicht alle Katholiken gleich gut miteinander.
Ein wesentlicher Faktor in dieser Frage ist das System der Volkskirche. Damit meine ich das, was sowohl bei den evangelischen Landeskirchen als auch in der römisch-katholischen Kirche üblich ist, daß nämlich Kleinkinder getauft und dann als Mitglieder bzw Gläubige dieser Kirchen angesehen werden, solange sie nicht explizit austreten.
Das führt dazu, daß es in diesen Kirchen nicht nur Christen gibt, die Jesus bewußt nachfolgen wollen, sondern eine große Masse von Menschen, die nie eine persönliche Entscheidung zur Christus-Nachfolge getroffen haben und nur aus Macht der Gewohnheit noch Kirchenmitglieder sind. Deshalb gibt es diese Riesendiskrepanz zwischen Mitgliederzahl und Gottesdienstbesuch; deshalb gibt es viele Menschen in unserem Land, die zwar auf dem Papier katholisch oder evangelisch sind, in ihrem täglichen Leben jedoch laufend Entscheidungen treffen und Ansichten vertreten, die den Lehren und Werten ihrer Kirche diametral widersprechen.
Natürlich gibt es dieses Phänomen auch in den Freikirchen; im Gegensatz zu den Volkskirchen jedoch muß man in eine Freikirche explizit eintreten, und das macht man nur, wenn man die entsprechenden Uuml;berzeugungen teilt. Deshalb ist dieses “Namenschristentum” eher ein Problem der Volkskirchen. Keine Angst: die Freikirchen haben ihre eigenen Problem.
Es ist in dieser Situation, daß ich in dem Artikel “Ökumene” von erweckten Katholiken gesprochen habe. Was ich damit meine sind Katholiken, die nicht nur “Taufschein-Christen” sind, sondern irgendwann eine persönliche Entscheidung getroffen haben, Christus nachzufolgen, und ihr Leben von dem Glauben an Ihn bestimmen zu lassen.
Es ist doch völlig normal, dass evangelikale Christen, die mehrheitlich eine solche persönliche Glaubensentscheidung getroffen haben, eine geistige Verwandschaft eher mit solchen Menschen in anderen Kirchen empfinden, mit denen sie diese Entscheidung gemeinsam haben, als mit solchen, die eine ganz andere Vorstellung davon haben, worum es beim Christentum geht.
Genauso erklärt sich der Bezug auf “evangelikale und konservative Christen” in der Evangelischen Kirche. Natürlich empfinden wir mehr Geistesverwandtschaft mit Menschen, die unser eher konservatives Bibelverständnis teilen, als mit solchen, die in der Bibel bloße menschliche Überlieferungen sehen, die man im Licht moderner Erkenntnisse vernachlässigen darf.
Übrigens: ich habe den Artikel gerade noch mal durchgelesen, und von einer “offenen Haltung dem Rest der Menschheit gegenüber” ist dort überhaupt nicht die Rede. Aber auch das würde natürlich davon abhängen, wie man “Offenheit” definiert.
Zu den Spenden: verschiedene Freikirchen handhaben das verschieden. Aber in den meisten der Gemeinden wird nicht kontrolliert, wer wieviel gibt. Manche zahlen einen regelmäßigen Gemeindebeitrag per Dauerauftrag, andere werfen jeden Monat ein Kuvert mit ihrem Beitrag in die Kollekte, und wieder andere geben völlig anonym in Form von Bargeld. Manche haben mehr Geld als andere, und leisten einen höheren Beitrag; andere haben weniger Geld und tragen in Form von praktischer Arbeit (Putzdienst, Kinderbetreuung, usw) zum Gemeindeleben bei.



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