Photo des Jahres 1999?

2009-04-02 - wnp - Keine Kommentare

Gestern bin ich auf ein Photo und seine Geschichte gestossen, die mich tief bewegt haben. Michael Clancy, ein Zeitungsfotograf in Nashville, erhielt den Auftrag, für eine große Tageszeitung eine Operation an einem Kind im Mutterleib fotografisch zu dokumentieren. Michael war erst kurz zuvor Christ geworden, und hatte zu diesem Zeitpunkt keine klare Meinung zum Thema Abtreibung. Was er in an dem Tag im Operationssaal erlebte, hat seine Meinung und sein Leben drastisch verändert. Hier ist Michael Clancy’s Geschichte, gefolgt von einigen Erläuterungen von mir, was seit 1999 geschehen ist.



Als langgedienter Fotojournalist in Nashville, Tennessee bekam ich von USA Today den Auftrag, die chirurgische Korrektur eines Falles von Spina Bifida zu fotografieren. Die Operation sollte im Vanderbilt University Medical Center an einem einundzwanzig Wochen alten Fötus im Mutterleib stattfinden. Damals, im Jahr 1999, waren einundzwanzig Wochen der früheste Termin, der für eine solche Operation in Betracht kam. Falls die Operation schief ging, würde es zu einer Frühgeburt kommen, und Kinder die vor der dreiundzwanzigsten Woche geboren wurden, überlebten das normalerweise nicht.

Die Spannung im Operationssaal am 19. August 1999 war greifbar, als der Eingriff begann. Zuerst wurde der typische Einschnitt für einen Kaiserschnitt gemacht, um die Gebärmutter zu erreichen. Diese wurde dann herausgehoben und unterhalb des Bauches der Mutter hingelegt. Die ganze Operation würde in utero stattfinden, und kein Teil des Kindes sollte aus der Operationsöffnung herausragen. Während der Prozedur wurde der Fötus durch vorsichtiges Drücken außen an der Gebärmutter in die richtige Position gebracht. Die ganze Operation an dem Kind war in einer Stunde und dreizehn Minuten abgeschlossen. Als sie fertig waren, atmeten die Chirurgen erleichtert auf, und ich ebenso.

Die Hand der Hoffnung

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In der kurzen Pause, bevor die Gebärmutter wieder im Mutterbauch verschwand, fragt mich ein Arzt, welchen Film ich verwende. Während ich antwortete, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich die Gebärmutter bewegte, obwohl keine Hände in der Nähe waren. Die Bewegung kam von innen. Plötzlich kam ein ganzer Arm aus der Operationsöffnung, und wurde wieder zurückgezogen, bis nur mehr die winzige Hand herausschaute. Der Chirurg griff hin und hob die Hand etwas an, worauf diese reagierte und seinen Finger ergriff. Als würde er die Kraft des Griffs testen, schüttelte der Chirurg die kleine Faust. Samuel ließ nicht los. Schnell hab ich dre Fotos geschossen! Das ganze geschah so schnell, daß die OP-Schwester, die neben mir stand, fragte, “Was ist los?” “Das Kind hat herausgegriffen,” sagte ich. “Oh, das tun sie immer wieder,” antwortete sie.

Nun wurde die Operationsöffnung verschlossen und die Gebärmutter wieder in den Mutterleib gelegt; der Kaiserschnitt wurde vernäht.

Erst zehn Tage später wußte ich, ob die Bilder überhaupt scharf waren. Um Manipulationen der Bilder auszuschließen, verlangt USA Today die unentwickelten Filmrollen von ihren Fotografen. Als mich der Foto-Redakteur schließlich anrief, sagte er, “Das ist das unglaublichste Foto, das ich je gesehen habe!”

Samuel Armas wurde am 2. Dezember 1999 geboren, und durch diese Operation blieben ihm viele der Prozeduren erspart, die die meisten Kinder mit Spina Bifida ertragen müssen.

Was seither geschah:

Ein paar Wochen vor diesem Ereignis hatte Life Magazine mit dem gleichen Chirurgen-Team ein ganz ähnliches Foto gestellt, für einen Artikel über medizinischen Fortschritt in ihrer Milleniums-Ausgabe. Nach der Veröffentlichung von Michael Clancy’s Bildern in den Zeitungen USA Today sowie The Tennessean am 7. September 1999 versuchte Life die Rechte an dem Bild zu kaufen, die Verhandlungen scheiterten jedoch und es wurde stattdessen zwischen September und November 1999 in mehreren europäischien Zeitschriften veröffentlicht.

Am 20. Jänner 2000 erklärte Dr. Joseph Bruner, der Chirurg, dessen Finger auf dem Foto zu sehen sind, in einem Zeitungsartikel, “Je nach dem politischen Standpunkt, den man einnimmt, zeigt dieses Foto entweder Samuel, wie er aus der Gebärmutter herausgreift und die Hand eines Mitmenschen berührt, oder es zeigt mich, wie ich Samuels Hand aus der Gebärmutter herausziehe — und so war es auch.”

Vier Monate zuvor war das Bild erschienen, mit der Bildunterschrift des Fotografen, die besagte, daß Samuel selbst die Hand herausgesteckt hatte, und nun erklärte Dr. Bruner, daß das Bild gestellt war. Diese Aussage hat die Karriere von Michael Clancy als Fotojournalist praktisch zerstört.

Inzwischen hat Dr. Bruner seine Stelle am Vanderbilt University Medical Center verloren, und weigert sich, über den Fall zu sprechen, während Michael Clancy Vorträge hält über das, was ihm an jenem Tag im August 1999 plötzlich klar geworden ist: Daß ein Fötus im Mutterleib ein eigenständiges menschliches Wesen ist, das ein Recht darauf hat, vom Staat und der Gesellschaft geschützt zu werden, und daß es, moralisch gesehen, ein “Recht auf Abtreibung” nicht geben kann.

Das Foto und die Geschichte von Michael Clancy wurden mit seiner Erlaubnis hier veröffentlicht; nähere Informationen finden sich auf seiner Webseite www.michaelclancy.com.


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