Gott und das ganz normale Leben

2009-06-18 - wnp - Keine Kommentare

von Dr. M. James Sawyer

Meine Frau Kay wurde im peruanischen Amazonas-Dschungel geboren, wo ihre Eltern als Missionare der Wycliff-Bibelübersetzer arbeiteten. Sie wuchs auf in einer Siedlung mit fast 100 Missionarsfamilien. Alles was dort geschah hing zusammen mit der Übersetzung der Bibel in die vielen Sprachen der einheimischen Stämme im Amazonasbecken. Was diese Missionare unter den Stammesvölkern im peruanischen Dschungel vollbracht haben, grenzt an ein Wunder.

Wenn man nun eine Missionarstochter, die ihr ganzes Leben in einer Umgebung verbracht hat, wo sich die vorherrschende Werteordnung voll und ganz darum dreht, das Evangelium zu verbreiten unter Menschen, die noch nie eine Chance hatten, die Frohe Botschaft zu hören, in die sekulare Umgebung unserer westlichen Kultur verpflanzt, dann hat man ein Rezept für eine Krise, oder zumindest für eine anhaltende Spannung.

Als wir vor mehr als 35 Jahren heirateten, war diese Spannung nicht sofort offensichtlich. Ich war vollzeitlicher Mitarbeiter mit Jugend für Christus in Orange County in Kalifornien. Kay hat mir bei diesem Dienst unter Jugendlichen in Costa Mesa und Irvine geholfen. Als ich Jugend für Christus verließ, packten wir unsere Sachen und zogen nach Dallas, Texas, wo ich die nächsten zehn Jahre mit theologischen Studien verbrachte. Im Jahr 1984, genau zehn Jahre und einen Monat später, verließen wir Dallas und übersiedelten in die Gegend von San Francisco, wo ich eine Stelle als Theologie-Professor am Simpson College antrat. Kays Leben kreiste um unser Zuhause und die Erziehung unserer Kinder. Als die Kinder größer wurden und das Nest in Richtung Uni verließen, wurde es notwendig, daß Kay, zum ersten Mal, ins Berufsleben eintrat. Vier hungrige Studenten mit einem Professorengehalt zu ernähren war eine große Herausforderung und wurde schließlich unmöglich — wir kamen an den Punkt, wo wir jedes Monat mehr Geld für Lebensmittel als für die Miete ausgaben!

Als Kay den Arbeitsmarkt betrat, trat die Spannung zwischen den frommen und sekularen Bereichen offen hervor. Sie hatte nicht grundsätzlich etwas gegen die Idee, berufstätig zu sein, aber wenn sie schon außerhalb des Haushalts arbeiten sollte, dann wenigstens in einem Beruf, der für das Reich Gottes zählte, der irgendeinen christlichen Dienst darstellte. An vielen, vielen Abenden kam sie nach Hause und lud ihre Frustration ab. Sie arbeitete im Büro eines Elektrikerbetriebes, und obwohl einige ihrer Kollegen auch Christen waren, war es doch eine “weltlicher” Tätigkeit, die nichts mit dem Bau des Reiches Gottes zu tun hatte. Nach ein paar Jahren fand sie eine andere Stelle, als Büroleiterin in einer Finanzplanungsgesellschaft. Dort war dieser Zwiespalt noch deutlicher, ging es doch Tag für Tag um die Jagd nach dem Geld, und um die Spannung zwischen Gott und dem Mammon. Vor etwa zweieinhalb Jahren hat sie wieder die Stelle gewechselt und arbeitet jetzt in einer neu gegründeten Firma, die ein medizinisches Gerät zur Minderung chronischer Rückenschmerzen herstellt. Wieder eine sekulare Umgebung, aber die Atmosphäre und die Kollegen taugen ihr sehr, obwohl sie die einzige Gläubige in diesem Büro ist. Und nach wie vor lebt sie mit dieser Spannung zwischen dem frommen und dem sekularen Bereich.

Als Theologe, der sich intensiv mit der Reformation beschäftigt hat, bin ich seit Jahrzehnten davon überzeugt, daß diese Spannung zwischen den frommen und sekularen Bereichen, die meine Frau und mit ihr viele andere in der evangelikalen Bewegung so leidvoll erleben, aus einem Mißverständnis der Bibel sowie der Natur Gottes und seiner Beziehung zur Schöpfung entstanden ist. Bereits in der frühchristlichen Gemeinde fing man an, einen Keil zwischen den materiellen und den geistlichen Bereich, und damit zwischen den sekularen und den frommen Bereich des Lebens, zu treiben. Im Mittelalter wurde daraus eine wahrhaftige Trennwand. Jeder, der sein eigenes Seelenheil ernst nahm, wurde, plakativ ausgedrückt, Priester, Mönch oder Nonne.

Während dieser Zeit wurde auch die Menschwerdung Christi, und seine völlige Teilnahme am ganz gewöhnlichen menschlichen Leben, in den Hintergrund gedrängt, und Christus wurde zunehmend als der göttliche Richter dargestellt, der die Menschen verdammt, weil sie den göttlichen Maßstab der vollkommenen Gerechtigkeit verfehlen. Das war auch die Zeit, in der Marienfrömmigkeit und Heiligenkult an Bedeutung gewannen, weil die Menschen verzweifelt nach mitfühlenden Fürsprechern suchten, die ihnen vor diesem gerechten Richter beistehen würden.

Und schließlich war das auch das Thema, welches Luther zur Verzweiflung trieb — er haßte die Gerechtigkeit Gottes, weil sie die Grundlage für die Verdammung der sündigen Menschheit war. Erst als Luther die wahre Gerechtigkeit Gottes entdeckte, kam die Reformation in Gang.

Luther und die anderen Reformatoren der ersten Generation gingen dann in die andere Richtung. Sie verwarfen die Vorstellung, daß die Materie böse ist. Die Schöpfung war von Gott gesegnet und für sehr gut erklärt worden. Dieses Verständnis heilte die Spaltung zwischen dem sekularen und dem frommen Bereich.

Aber es dauerte nicht lange, und die Kluft tat sich von neuem auf. Im 19. Jahrhundert erreichte sie ihre größte Tiefe und Breite, und sie prägt die evangelikale Bewegung bis heute. Diese Entwicklung ist relativ komplex, daher will ich nicht versuchen, sie hier näher zu beschreiben. Aber sie hatte mit dem Aufkommen der liberalen Theologie und ihrer Betonung der sozialen Kompenente des Evangeliums zu tun, ebenso mit den apokalyptischen Endzeiterwartungen, die eine radikale Trennung von der Welt sowie eine starke Betonung auf Evangelisation und Mission zur Folge hatten. Aus dieser Sicht ist jedes Engagement in der Welt schließlich so etwas wie das Polieren von Türgriffen auf einem sinkenden Schiff.

Aber in all dem haben wir die wahre Natur und die Implikationen von zwei der grundlegenden Lehren des Christentums aus den Augen verloren: die Trinität (Dreieinigkeit) und die Inkarnation (Menschwerdung). Gott existiert in drei ewigen Personen, die in konstanter und und vollkommen liebender Beziehung miteinander leben, und eine dieser Personen, der Sohn, hat sich der Gesamtheit der menschlichen Natur verbunden, nicht nur für die Dauer von 33 Jahren, sondern in alle Ewigkeit. Wenn wir innehalten und über diese beiden Wahrheiten nachdenken, wirft es uns um.

C. Baxter Kruger, in seinem Buch Der Große Tanz, tut genau dies. An einer Stelle sagt er,

Wie sollen wir das verstehen, daß der Sohn Gottes seine Gottsohnschaft, sein göttliches Leben, als Zimmermann lebte? Denken wir an die vielen Stunden, die er in der Werkstatt zugebracht hat, die Jahre als Lehrling, die Tage, Monate und Jahre, die er mit Hämmern, Sägen und Hobeln zugebracht hat. Was sagen wir dazu, daß bei weitem der größte Teil der Zeit, die Gott auf Erden verbracht hat, er mit solchen gewöhnlichen, weltlichen Tätigkeiten zugebracht hat? Hast Du je daran gedacht? Den Großteil von Gottes Zeit auf Erden hat er nicht in dem zugebracht, das wir “vollzeitigen Dienst” nennen. Der Sohn Gottes hat mehr Zeit damit verbracht, mit seiner Hände Arbeit Dinge herzustellen, als mit Predigen.

Wenn wir innehalten und darüber nachdenken, entdecken wir, daß sich das dreieinige Leben Gottes in einem Menschenleben in sehr gewöhnlichen Dingen auslebte. Ich weiß schon Bescheid über all die übernatürlichen Dinge, die Jesus vollbracht hat, über die erstaunlichen Wunder. Aber der Sohn Gottes hat mehr Mahlzeiten zu sich genommen, als er Wunder vollbracht hat. Ja, der Sohn Gottes hat Kranke geheilt, aber er hat auch Tische hergestellt. Er hatte viele ganz normale Gespräche mit ganz normalen Menschen, er wuchs in einer Familie mit Brüdern und Schwestern, Cousins und Kusinen auf, feierte Geburtstage und ging auf Parties.

Zumindest während eines Augenblicks in der Geschichte waren menschliches Lachen, menschliches Teilen, menschliches Mitleiden, menschliche Liebe und Gemeinschaft, menschliche Kameradschaft und menschliches Miteinander viel mehr als nur menschlich. Zumindest während eines Augenblicks in der Geschichte waren die Tischlerei und die Freude daran, nützliche Dinge herzustellen und anderen zu helfen, menschliche Höchstleistung und der Stolz und die Freude an menschlicher Kreativität, am Entwerfen von Dingen und ihrer praktischen Umsetzung, alle mehr als menschlich. Sie waren alle ein lebendiger Ausdruck der Menschlichkeit Gottes, lebendiger Ausdruck des menschgewordenen Sohnes Gottes, der seine göttliche Sohnschaft auslebte, lebendiger Ausdruck eines Menschen, der völlig im Heiligen Geist getauft war. (Seite 62)

Die Tatsache, daß der menschgewordene Gott in einem weltlichen und normalen Beruf arbeitete, widerlegt ganz klar die Vorstellung, daß nur das Geistliche, nur das Fromme zält. Der ewige Sohn Gottes, von dem, durch den und für den das ganze Universum geschaffen wurde, hat sich, aus Liebe und Barmherzigkeit gegenüber seiner Schöpfung, fü immer an das Menschsein in seiner Normalität und Körperlichkeit gebunden. Das gibt allem, was wir tun, Sinn: nicht nur dem Heroischen, dem “Geistlichen” oder Frommen, sondern gerade auch dem ganz Normalen, Gewöhnlichen. Alles ist wichtig, weil Gott, in seiner überfließenden und gnädigen Liebe, für uns Mensch geworden ist, und dadurch die Menschheit und das Menschsein in eine ewige Beziehung zu und Teilnahme an Gott gebracht hat.

Und dadurch hat auch meine Frau Frieden und Freude gefunden, indem sie lernte, dieses Teilnehmen mit Gott am ganz normalen Leben, zu erkennen und anzunehmen.

Dieser Artikel ist im Juni 2009 in der Online-Publikation “Parchment and Pen” erschienen. Deutsche Übersetzung von Wolf Paul, mit Genehmigung des Autors.


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