Mangelnde Bibelkenntnis unter Evangelikalen?

2009-06-18 - wnp - 3 Kommentare

In einer der letzten Nummern der Gemeinde, der Zeitschrift des deutschen Baptistenbundes, fand ich folgende Meldung:

Unter den Baptisten nimmt die Bibelkenntnis ab. Das hat der Präsident (des Baptistenbundes) Emmanuel Brandt in seinem Bericht auf der Bundesratstagung beklagt. Diesen Trend dürfe man nicht “achselzuckend zur Kenntnis nehmen”, mahnte er. Andernfalls grabe sich der Bund als “Bibelbewegung” das Wasser ab. Er appellierte an die Vertreter der Gemeinden, “dem Wort Gottes den gebührnenden Platz einzuräumen”. Zugleich wandte er sich gegen “eine enge Buchstabengläubigkeit”. Er verwies auf einen Ausspruch Onckens, der erklärt habe, dass Baptisten dem “Wort Gottes und dem Geist des Worts” folgten.

Ich finde das traurig, und fürchte, daß die Dinge in Österreich nicht viel anders aussehen. Vor kurzem kam mir ein Artikel des amerikanischen Theologen M. James Sawyer unter, der eine ganz ähnliche Situation unter den Evangelikalen Nordamerikas schildert. Hier ist sein Artikel, der uns zum Nachdenken anregen sollte. Man kann beruhigt “Westeuropa” einsetzen, wo Dr. Sawyer “Nordamerika” schreibt.


“Alles was ich tun muß, ist Jesus lieben und ihm gehorchen!” — Wirklich?

von Dr. M. James Sawyer

Gestern abend hatte ich ein Gespräch, das mir wieder einmal die Notwendigkeit unseres Dienstes (der theologischen Ausbildung) klar vor Augen führte. Ich sprach mit einem Studenten, der meinen Kurs “Einführung in die Theologie” am Tozer Seminary besucht. Der Student ist Mitte Dreissig und sehr in der Gemeinde engagiert. Er ist der Sohn eines Baptistenpredigers und ist daher quasi in der Gemeinde aufgewachsen.

Die Klasse war gerade am Diskutieren, was sie dieses Semester gelernt hatten, und er meinte, er füe sich komplett überwältigt von all dem Material, dem er in diesem Kurs ausgesetzt wurde. Er sagte, als einer, der in der Gemeinde großgeworden war, daß die einzige Theologie, die in seiner Gemeinde gelehrt wurde, Johannes 3,16 war. Er hatte keine Vorstellung davon, worum es im Fach Theologie geht, und er hatte keine Ahnung von dem Reichtum von fast zweitausend Jahren Geschichte des Handelns Gottes mit den Menschen. Er meinte, daß er, nach dem wenigen, das er bis jetzt in diesem Kurs gelernt hatte, das Gefühl hatte, daß ihn seine Gemeinde beraubt oder betrogen hatte.

Heute früh erzählte ich einem meiner ehemaligen Studenten, der jetzt Pastor für Erwachsenenbildung an einer lebendigen evangelikalen Gemeinde im Großraum von San Francisco ist, von diesem Gespräch, und er stellte fest, daß auch die erwachsenen Gläbigen in seiner Gemeinde nur eine sehr mangelhafte Bibelkenntnis aufwiesen, daß sie nicht nur keine Ahnung von Geschichte oder Theologie hätten, sondern auch kaum vertraut sind mit dem Überblick der biblischen Geschichte oder auch den einzelnen biblischen Geschichten, mit denen ich in der Sonntagsschule aufgewachsen bin.

Vor etwa zehn Jahren hatte ich ein längeres Gespräch mit Grant Osborn, Professor für Neues Testament an der Trinity Evangelical Divinity School. Dr. Osborn sagte, daß evangelikale Gelehrbarkeit ein Niveau erreicht hatte wie nie zuvor — wir konnten es jetzt mit den Grössen der liberalen Theologie aufnehmen, und evangelikale Gelehrte hatten Werke geschrieben, die auch an nicht-evangelikalen Fakultäten zu den Standardwerken gezählt wurden. In den Gemeinden jedoch, so fuhr er fort, sind wir auf dem Weg in ein finsteres Zeitalter, wenn es um Bibelkenntnis geht. Ich würde noch hinzufügen, dass dieses finstere Zeitalter schon eine Weile andauert in Bezug auf Geschichte und Theologie.

Die Bibel, Theologie, und Geschichte — das sind Themen, die mir sehr am Herzen liegen, und ich bin absolut davon überzeugt davon daß jeder Christ mehr als nur ein vages Interesse an diesen Dingen haben sollte, mehr als eine Einstellung vom Typ “Gähn! Wie langweilig!” Wenn wir zurückblicken in das vierte Jahrhundert nach Christus sehen wir ein theologisches Phänomen und eine Mentalität, die wir heute gar nicht verstehen können. Im Konstantinopel des vierten Jahrhunderts waren ganz alltägliche Christen begeisterte Amateurtheologen! Gregor von Nyssa (gest. 395), einer der großen Theologen-Bischöfe, die mithalfen, die Wahrheit von der vollen Gottheit Jesu in der Gemeinde zu verankern, im Widerstand gegen die Irrlehre, daß Christus vor seiner Menschwerdung lediglich ein Geschöpf war, schildert folgendes:

Die ganze Stadt ist voll davon, die Plätze, die Märkte, die Kreuzungen, die Gassen; Lumpenhändler, Geldwechsler, Lebensmittelhändler, sie alle diskutieren geschäftig. Wenn man jemanden um Wechselgeld fragt, bekommt man eine philosophische Antwort über den Gezeugten und den Nichtgezeugten; wenn man jemanden nach dem Preis einer Ware fragt, bekommt man zur Antwort, daß der Vater größer und der Sohn geringer sei; wenn man fragt, “Ist mein Bad bereit?” antwortet der Badewärter, daß der Sohn aus dem Nichts geschaffen wurde.

(Über die Gottheit des Sohnes, XLVI:557b)

Heute wird sogar in der Gemeinde de Theologie ignoriert. Obwohl ich die neuen Lobpreis- und Anbetungslieder als Ausdruck unserer Herzenshingabe an den Herrn schätze, muß ich doch sagen, daß sie im Vergleich zu den alten Kirchenliedern theologisch blutleer scheinen. Und auch wenn es gut ist, daß wir Evangelikalen den Schwerpunkt auf eine pers&oum;nliche Beziehung zum Herrn legen, ignorieren wir doch zu unserem eigenen Schaden die Weisheit und die feste theologische Nahrung des Apostolischen oder Nizäischen Glaubensbekenntnisses, des Athanasischen Bekenntnisses und der Definition von Chalcedon mit der stolzen Feststellung, “Wir haben kein Glaubensbekenntnis außer der Bibel!” Als amerikanische Evangelikale haben wir, um es in den Worten des evangelikalen Kirchengeschichtlers Kenneth Scott Latourette zu sagen, “dazu geneigt, alle Entwicklungen zu ignorieren, die nach dem ersten Jahrhundert im Christentum stattgefunden haben.” (Geschichte der Ausbreitung des Christentums, 4:428). Wir sind ein wurzelloses Volk ohne Identität geworden, ohne Glaubensinhalte, die über das Niveau von Slogans auf Auto-Aufklebern hinausgehen. Das sage ich zu unserer Schande.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Konzept der Wahrheit auf die persönliche Feststellung des Einzelnen reduziert wurde. Dinge werden nicht mehr als wahr oder unwahr angesehen, sondern lediglich als “wahr für mich.” Der verstorbene anglikanische Missionsbischof Lesslie Newbigin hat diese Idee so beschrieben, “ein Relativismus, der nicht bereit ist, über Wahrheit zu sprechen, sondern lediglich davon, was ‘wahr für mich’ ist, weicht der Ernsthaftigkeit des Lebens aus. Er ist ein Zeichen eines tragischen Verlustes von Mut in unserer gegenwärtigen Kultur. Er ist ein Vorzeichen des Todes.” (Das Evangelium in einer pluralistischen Gesellschaft, Seite 22).

Als ich im Gymnasium war, habe ich das Buch der Offenbarung viele Male durchgelesen. Besonders interessant fand ich die Briefe an die sieben Gemeinden Kleinasiens. Für jede dieser Gemeinden, außer für die in Smyrna und Philadelphia, hatte der Herr eine ernste Ermahnung. Das Problem der Gemeinde zu Ephesus war Wahrheit ohne Liebe, in Pergamum und Thyatira war das Problem Irrlehre — falsche Lehren, die die Wahrheit des Evangeliums untergruben. Sardis zehrte von seinem Ruf, war aber praktisch schon tot. Das Problem der letzten Gemeinde, Laodizea, war vielleicht das gefährlichste:

Und dem Engel der Gemeinde von Laodizea schreibe: Das sagt der »Amen«, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Ursprung der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, daß du weder kalt noch heiß bist. Ach, daß du kalt oder heiß wärst! So aber, weil du lau bist und weder kalt noch heiß, werde ich dich ausspeien aus meinem Mund. Denn du sprichst: Ich bin reich und habe Überfluß, und mir mangelt es an nichts! — und du erkennst nicht, daß du elend und erbärmlich bist, arm, blind und entblößt. Ich rate dir, von mir Gold zu kaufen, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst, und weiße Kleider, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Blöße nicht offenbar wird; und salbe deine Augen mit Augensalbe, damit du sehen kannst! Alle, die ich liebhabe, die überführe und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, so werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm essen und er mit mir. Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie auch ich überwunden habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

(Offenbarung 3,14-22, Schlachter 2000)

Die Stadt Laodizea war reich. Sie lag an einer Kreuzung der Handelsstraßen in der römischen Provinz Kleinasien (der heutigen Türkei). Sie war berühmt für ihre schwarze Wolle, und war auch ein finanzielles Zentrum in ihrer Region. Aber es gab Probleme:

Die Stadt litt unter häufigen Erdbeben, besonders unter dem großen Beben während der Regierung Neros (AD 60), durch das sie vollständig zerstört wurde. Aber die Einwohner lehnten die Hilfe des Reiches ab und bauten die Stadt aus eigener Kraft wieder auf (Annalen des Tacitus, XIV:27). Der Reichtum der Bewohner ließ sie eine Vorliebe für die Künste der Griechen entwickeln, die selbst in den Ruinen der Stadt noch erkennbar ist, und daß sie auch in Wissenschaft und Literatur nicht zurückgeblieben waren, bezeugen die Namen der Skeptiker Antiochus und Theiodas, der Nachfolger des Aenesidemus (Diog. Laërt. ix. 11. § 106, 12. § 116) . . . (http://en.wikipedia.org/wiki/Laodicea_ad_Lycum)

Obwohl Reichtum im Alten Testament als Segen von Gott dargestellt wird, ist er kein unvermischter Segen. Er bringt mit sich die Gefahr des übermäßigen Selbstvertrauens im Gegensatz zum Vertrauen auf Gott, der den Reichtum gegeben hat. Er kann auch geistige Armut verschleiern, wie die Zurechtweisung des Herrn an die Gemeinde zu Laodizea zeigt.

Die Gemeinde in Laodizea sieht besorgniserregend ähnlich aus, wie die evangelikale Bewegung unserer Zeit in Nordamerika. Wir sind reich — selbst nach dem Maßstäben unserer Konsumgesellschaft. Auch die unter uns, die sich Monat für Montat anstrengen müssen, mit dem Geld auszukommen, leben besser als Könige in der Vergangenheit. Dieser Reichtum hat unsere Sinne abgestumpft gegenüber den Nöten um uns herum, und ganz besonders gegenüber den Nöten der Brüder und Schwestern, die in der zweiten und dritten Welt in wirklicher Armut leben.

Ich schreibe all das nicht, um Schuldgefühle hervorzurufen, sondern um uns herauszufordern, innezuhalten. Wenn die Gemeinde von Laodizea aufgerufen war, Buße zu tun ob ihrer Selbstgefälligkeit, wäre es nicht an der Zeit, daß wir, die wir uns Kinder Gottes nennen, uns fragen, wie weit wir der Welt erlaubt haben, “uns in ihre Form zu pressen” (Römer 12:2, J.B. Philips), und ob nicht auch wir Buße tun müssen — unser Denken zu ändern und so zu leben, wie es unserer Identität als Kinder Gottes entspricht?


Dieser Artikel erschien im November 2007 auf der Webseite von Dr. M. James Sawyer, “Sacred Saga Ministries“. Übersetzung Wolf Paul, veröffentlicht mit Genehmigung des Autors.


3 Kommentare

wolfgang

2009-08-31 um 20:53    


wenn die liebe zu der welt in den herzen der gotteskinder zunimmt braucht man sich nicht wundern das einen die bibel nicht mehr schmeckt-fernsehen,internet usw.

Alexander Basnar

2009-11-26 um 20:36    


Theologie … wie kompliziert oder anspruchsvoll muss der Glaube sein? Was muss man alles wissen, um ein heiliges Leben führen zu können? Ich verstehe den Artikel sehr gut, weil ich auch sehr viel wert auf Lehre und Geschichte lege. Andererseits: Wievielen Christen stehen die Ressourcen zur Verfügung, um das angestrebte theologische Niveau zu erreichen?

Wenn das 4. Jahrhundert gerühmt wird, wo die Kirche aus lauter “Amateurtheologen” bestand, dann bin ich hier sehr zurückhaltend mit meiner Begeisterung. Mit Konstantin begann das Zeitalter der Konzile, von denen eines mehr beweisen wollte als das andere; auf denen Verfolgung und Tod für jene beschlossen wurde, die nicht den immer höher werdenden theologischen Standards der staatskirchlichen Orthodoxie entsprachen.

Die vornizäische Kirche kam im Wesentlichen mit zwei Eckpfeilern aus: Das apostolische Glaubensbekenntnis und ein Leben nach der Bergpredigt; eingerahmt in geistliche Routinen wie fixe Gebetszeiten, regelmäßiges Fasten und das Geben von Almosen. Was fehlt einem Christen, der danach lebt?

Was ich mir mehr wünsche, ist ein Gemeindeleben, in dem man gerne, oft und regelmäßig zum Lesen und zum Beten zusammenkommt. Gemeinschaft, das gemeinsame Essen, die gegenseitige Erbauung und Jüngerschaft … das alles kann durch die beste Theologie nicht ersetzt werden.

wnp

2009-11-27 um 22:08    


Natuerlich kann auch die beste Theologie das Leben als Christ, sowohl als Einzelner als auch in der Gemeinde, nicht ersetzen.

Aber ein Leben nach der Bergpredigt und im Einklang mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis beantwortet nicht alle Fragen, die Menschen haben; und man kann etliche Glaubensinhalte, die Du und ich uebereinstimmend teilen, verwerfen und sich trotzdem auf das apostolische Glaubensbekenntnis berufen.

Da kommen die Konzile ins Spiel, die ich nicht so negativ beurteile, wie Du. Natuerlich waren Verfolgung und Tod fuer Andersdenkende/Andersglaeubige schrecklich und nicht im Geist Jesu; das war aber mehr das Tun der Staatsmacht, die damals begonnen hat, die Kirche zu vereinnahmen, und weniger der Theologen.

Ich bekenne mich gerne dazu, ein “nizaeischer” Christ zu sein, und wuensche mir trotzdem ein Gemeindeleben, wie Du es schilderst — das eine schliesst das andere nicht aus.

Gib einen Kommentar ab

Name *

E-Mail *

Website