“Warum sind nicht alle meiner Meinung?”

2010-04-10 - wnp - Keine Kommentare

Dieser Artikel von C. Michael Patton erscheint mir wichtig genug, dass ich ihn übersetzt habe und hier dem österreichischen Publikum zugänglich mache. Der Autor ist Absolvent des Dallas Theological Seminary und leitet das christliche Bildungswerk Reclaiming the Mind und das theologische Fernstudienprogramm The Theology Program. Der Artikel wurde im Blog des Autors veröffentlicht.

Wolf Paul


Ich bin Calvinist, andere sind Arminianer. Ich nehme in der Eschatologie eine prämilleniale Position ein, andere eine amilleniale. Ich bin, wenn es um den Ursprung der menschlichen Seele geht, Generationist, andere sind Kreationisten. Ich glaube an eine vernünftig formulierte Irrtumslosigkeit der Schrift, andere glauben, daß das eine naive Lehre ist, die nicht mehr haltbar ist. Es gibt viele Punkte, wo unsere theologischen Meinungen auseinandergehen, manche davon wichtiger als andere.

Warum sind nicht alle meiner Meinung? Wer verursacht diese Uneinigkeit im Leib Christi, die anderen oder ich? Demonstrieren diese Meinungsunterschiede die den dogmatischen Bankrott von Sola Scriptura? Sollen wir einen protestantischen Papst ernennen? Or könnte es sein, daß Gott diese Meinungsverschiedenheiten zu einem ganz bestimmten Zweck erlaubt?

Ich könnte diese Frage auf verschiedene Weisen beantworten:

  1. Andere sind nicht meiner Meinung, weil sie nicht tief genug studiert haben (mangelnde Gelehrsamkeit)
  2. Andere sind nicht meiner Meinung, weil sie nicht breit genug studiert haben (mangelnde Perspektive)
  3. Andere sind nicht meiner Meinung, weil sie nicht lang genug studiert haben (mangelnde Weisheit)
  4. Andere sind nicht meiner Meinung, weil ihre Vorurteile sie daran hindern, die Wahrheit zu erkennen (mangelnde Gedankenfreiheit)
  5. Andere sind nicht meiner Meinung, weil die Sünde in ihrem Leben sie daran hindert, die Wahrheit zu erkennen (mangelnde Heiligkeit)
  6. Andere sind nicht meiner Meinung, weil uns ein unfehlbares Lehramt fehlt, das die richtige Auslegung der Schrift sicherstellt (fehlender Papst)
  7. Andere sind nicht meiner Meinung, weil sie nicht wirklich Christen sind. Wenn sie gerettet wären, würden sie sich meiner Meinung anschliessen (mangelnde Erlösung)

Im Allgemeinen sind das jedoch nicht die Antworten, die ich gebe. Versteht mich nicht falsch, das sind alles mögliche, plausible Antworten. Es ist durchaus möglich, daß Menschen die Wahrheit leugnen (mal angenommen, daß meine Meinung der Wahrheit entspricht), weil sie unwissend sind, weil ihnen die Perspektive fehlt, oder auf Grund von fehlender Weisheit, traditionellen Gebundenheiten, Sünde, mangelnder Autorität, Gottlosigkeit, oder Unglauben. Aber ich glaube, daß wir sehr vorsichtig sein müssen, die Motivation von Menschen oder die Ursachen von Meinungsunterschieden von vornherein negativ zu beurteilen. Dazu wissen wir normalerweise zu wenig.

Hier sind zwei mögliche Antworten, die ich hoffentlich zuerst bedenken würde, bevor ich zu einer der vorhin angeführten Antworten greife:

Andere sind nicht meiner Meinung, weil sie recht haben und ich unrecht.

Natürlich bin ich davon überzeugt, daß ich recht habe — sonst würde ich einfach meine Meinung ändern. Aber es ist immer möglich, daß ich unrecht habe, aufgrund falscher Informationen, Vorurteilen, traditioneller Gebundenheiten, oder Mangel an Perspektive. Das muß ich, so schwer es auch ist, demütig anerkennen.

Es gibt Dinge, von denen bin ich fester überzeugt als von anderen. Ich halte es zum Beispiel für weniger wahrscheinlich, daß ich mich in Bezug auf die Existenz Gottes irre, als über meine Überzeugungen in Bezug auf die Entrückung der Gemeinde vor der großen Trübsal. Ich werde auch von der Tatsache zur Demut geführt, daß es viele Dinge gibt, die ich mal geglaubt habe, die ich aber jetzt ganz anders sehe. Es scheint mir, daß ich damals von diesen Dingen genauso überzeugt war, wie ich von meinen jetzigen Positionen überzeugt bin. Wie gehe ich damit um? In den meisten dieser Fälle waren es Beweise, oder das Fehlen von Beweisen, die mich gezwungen haben, meine Überzeugungen schwierigen Anpassungen zu unterziehen. Sehr schwierigen Anpassungen. Früher habe ich zum Beispiel geglaubt, daß jemand, der nicht an die Irrtumslosigkeit der Schrift glaubt, unmöglich Christ sein konnte. Das lag zweifelsohne an meinen fundamentalistischen Vorurteilen; aber als ich mit klaren Beweisen konfrontiert wurde, daß es viele Menschen gibt, die nicht an die Irrtumslosigkeit glauben, und trotzdem den selben Christus lieben wie ich, und an ihn glauben, mußte ich entweder meine Meinung ändern, oder mir den Vorwurf der Naivität gefallen lassen. Solche Entscheidungen muß ich noch immer treffen. Man nennt das “Lernen.”

Ich muß mir folgendes immer wieder klarmachen: es gibt keine Lehrmeinung, von der ich überzeugt sein kann, die von Unfehlbarkeit beschützt wird. Unfehlbarkeit ist die Kehrseite der absoluten Überzeugung. Absolute Überzeugung ist nur gerechtfertigt, wenn man alle Informationen zur Verfügung hat sowie die Garantie, diese auch richtig zu interpretieren. Unfehlbar sein heißt, daß man sich nicht irren kann. Nachdem ich nicht unfehlbar bin, kann ich per definitionem mich irren. Alle meine Positionen und Überzeugungen unterliegen meinem Attribut der Fehlbarkeit. Niemand besitzt Unfehlbarkeit. Selbst die Katholiken, die sich über diese Tatsache hinwegretten wollen, indem sie sich einer unfehlbaren Autorität, dem Papst, anvertrauen, entkommen dieser Realität nicht: auch ihr Glaube an die Unfehlbarkeit des Papstes ist nicht unfehlbar. Das gleiche gilt für Evangelikale und ihren Glauben an die Unfehlbarkeit der Schrift. Unser Glaube an die Bibel ist fehlbar, selbst wenn es die Schrift nicht ist. Niemand entkommt seiner eigenen Fehlbarkeit. Deshalb können wir alle Unrecht haben. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf einen Prozess des Abwägens der Beweismittel zu verlassen, und diesem zu folgen, wohin er uns auch führt. Das wird uns öfters veranlassen, unsere Überzeugungen zu ändern.

Deshalb müssen wir immer die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung ziehen, daß andere nicht meiner Meinung sind, weil meine Meinung falsch ist.

Andere sind nicht meiner Meinung, weil Gott nicht will, daß wir alle einer Meinung sind — unabhängig davon, wer recht hat.

Das klingt vielleicht komisch, aber wir müssen es in Betracht ziehen. Ich habe vorhin gesagt, daß ich Calvinist bin. Während mir das kein Monopol auf die Lehre von der Souveränität Gottes gibt, muß ich mich doch damit auseinandersetzen, was diese Lehre mit der Frage “Warum sind nicht alle meiner Meinung?” zu tun hat. Was meine Frage wirklich bedeutet, ist: Warum sind wir nicht alle um die Wahrheit vereint?

Ich glaube, daß es durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, daß Gott zu diesem Zeitpunkt keine absolute lehrmäßige Einigkeit haben will, und daß diese, zum jetzigen Zeitpunkt, mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte. Ich glaube, daß lehrmäßige Meinungsverschiedenheiten oft gesund sein können für die Gemeinden. Wo es Konflikte zwischen entgegengesetzten Möglichkeiten gibt, erreicht man oft tieferes Verstehen als ohne diese Konflikte. Konflikte können letzten Endes zu einer tieferen Überzeugung von der Wahrheit führen. Wo es keine Konflikte gibt, gibt es kein gegenseitiges “Schärfen der Klingen”.

Ich versuche hier überhaupt nicht, die Wahrheit zu relativieren; wohl aber will ich uns helfen zu verstehen, daß falsche Überzeugungen, auch unsere eigenen, Gottes Zielen dienen könnten, und ihm mehr Ehre bringen können, als uns bewußt ist. Das ist meiner Meinung nach eine der Stärken dieses protestantischen Grundsatzes Sola Scriptura — er gibt uns die Möglichkeit uns mit theologischen Fragen auf einer Ebene auseinanderzusetzen, die in Traditionen mit Lehramt nicht möglich ist.

Ich will damit sagen: vielleicht ist es gerade Gottes Souveränität, die Meinungsverschiedenheiten über Gottes Souveränität hervorbringt. Das heisst nicht, daß falsche Lehre immer gerechtfertigt ist. Falsche Überzeugungen sind oft, aber nicht immer, die Folge von Sünde. Es heißt auch nicht, daß wir uns mit Agnostizismus (“man kann es nicht wissen!”) begnügen sollen, oder unsere theologischen Meinungen mit weniger Überzeugung vertreten sollen. Im Gegenteil: wir vertreten sie mit mehr Überzeugung als je zuvor, in der Zuversicht, daß Gott auch mit diesen Konflikten als Folge von Meinungsunterschieden seinen Plan hat. Am Ende werden wir feststellen, daß unsere Überzeugungen durch Konflikte gestärkt, nicht geschwächt, werden. Ich glaube, daß wir offen sein müssen für die Möglichkeit, Unrecht zu haben, um zu einem wahrhaftigeren und festeren Glauben zu finden.

Heute feiern wir Vielfalt in allen Bereichen des Lebens. Wir freuen uns an den Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Männer: könnt Ihr Euch eine Welt vorstellen, wo keine Frauen zu einer ausgeglichenen Sicht der Dinge beitragen? Das wäre schrecklich. Frauen, könnt Ihr Euch das Gegenteil vorstellen? (Bitte, spart Euch die Antwort!) Denken wir an die Unterschiede in Persönlichkeiten, Nationen, politischen Parteien, Altersgruppen, und Kulturen. Auch wenn wir unsere Meinung für wahr halten (und das mag sie auch sein), ist es in gewisser Weise sehr bereichernd, daß es eine Vielfalt an Meinungen, Werten, Überzeugungen, und Lebensweisen gibt. Ein tieferes Verständnis dieser Vielfalt kann uns zu der Erkenntnis führen, daß die Antwort auf viele Fragen “sowohl als auch” lautet, und nicht “entweder oder”. Wo wir nicht einer Meinung sind, könnten wir beide Recht haben — oder beide Unrecht haben.

Letzten Endes, wenn Gott alles unter Kontrolle hat, dann ist die Antwort auf meine Frage recht einfach. Warum sind nicht alle meiner Meinung? Weil es nicht Gottes Wille ist. Weil es ihm zur Ehre gereicht. Warum? Sein Wille wird eher erreicht durch Vielfalt. So können wir lernen, Vielfalt zu feiern, ohne uns dieser postmodernen Matrix aus Relativismus, Unsicherheit und Apathie zu ergeben.


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