Wenn die Gemeinde nicht eins ist, geschieht nichts von bleibendem Wert
2010-04-15 - wnp - Keine Kommentare
Umso mehr ich mit Menschen arbeite, in Gemeinden diene, und die christliche Gemeinschaft beobachte, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass Einheit ein wirklich seltener, exotischer Vogel ist.
Uneinigkeit ist normal.
Einheit ist der Plan des Herrn für Sein Volk, die Grundlage für jede erfolgreiche Arbeit, und das letzte Gebet auf Jesu Lippen im Obergemach.
Ich habe mal ziemlich viel Wirbel verursacht mit dem Vorschlag, daß nachdem die Gemeindeleitung abgestimmt hatte, eine bestimmtes Projekt der Gemeindeversammlung vorzulegen, alle Mitglieder der Gemeindeleitung dieses Projekt unterstützen sollten. Nach der Reaktion von einigen unter ihnen hätte man meinen können, ich wollte ihnen ihre Bürgerrechte wegnehmen.
“Ich bin ein Staatsbürger. Ich habe meine Rechte. Und eines dieser Rechte ist es, meine Meinung zu sagen und meine Überzeugungen zu vertreten,” kann ich einen von ihnen noch immer hören. “Du verlangst, daß wir einen Kompromiss schließen? Niemals!”
Ich versuchte zu erklären, “Es geht hier nicht um Deine Rechte, es geht um eure Verantwortung als Leiter dieser Gemeinde. Es hat ja schließlich einen Grund, daß wir das vorher hier ausdiskutieren und abstimmen, bevor wir sie der Gemeinde vorlegen.”
Die Dinge begannen sich erst zu ändern, als wir reifere Leute in die Gemeindeleitung wählten — erst dann entstand Einheit.
Es ist die Aufgabe von Leitern, sich nach der Einheit der Gemeinde zu sehnen, für sie zu beten, sie vorzuleben und zu bewahren.
Paulus sagt zu den Leitern der Gemeinde in Ephesus, “Seid eifrig bemüht, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens.” (Epheser 4,3)
Wir müssen uns bemühen, dafür arbeiten. Einheit in einer Gruppe von hundert Leuten ist nicht normal oder natürlich, man muß danach streben, und sie rutscht einem leicht durch die Latten. Einheit ist ein zerbrechliches Ding.
In einer Klasse von Theologiestudenten schrieb ich an die Tafel, “Unterschiedlich.”
Ich sagte, “Man sollte meinen, daß eine Gemeinde, die aus Jesus-Jüngern besteht, automatisch eines Herzens und eines Sinnes sein würde. Statdessen scheinen Konflikte an der Tagesordnung zu sein. Der wichtigst Grund dafür scheint zu sein, daß die Menschen in der Gemeinde alle unterschiedlich sind.”
“Meine Frage an Euch: wie sind sie unterschiedlich?” Als sie anfingen, Dinge aufzuzählen, schrieb ich an der Tafel mit.
Unterschiedlich in Geschlecht, Generationen, Hautfarbe, Alter, Ansichten, Erfahrungen, Theologie, Politik, Hintergrund, Bildung, sozialer und wirtschaftlicher Schicht, Vorlieben, Abneigungen, Zielen, Geschmäckern, Intellekt, Bibelkenntnis, Heiligkeit, Vorurteilen, Ängsten, Erscheinungsbild, Höhe, Gewicht, Metabolismus, Werten.
Wir hätten den ganzen Tag damit weitermachen können.
Einheit in einer Gemeinde von Christen ist genauso ein Wunder wie eine Krankenheilung oder eine Auferweckung von den Toten.
Einheit in einer so vielfältigen Gruppe ist ein Werk Gottes.
In seinem Buch “Friedensstifter” erzählt Ken Sande die Geschicht von Bill und Steve, die in einem bösen Streit miteinander lagen. Als Steve’s neues Haus unzählige schwerwiegende Mängel aufwies, klagte er Bill, den Baumeister. Darauf folge eine Gegenklage, Monate gerichtlicher Verhandlungen und astronomische Anwaltskosten. Ken schreibt, “Während einer Einvernahme ging einem der Rechtsanwälte ein Licht auf, was für einen Widerspruch er hier beobachtete: zwei bekannte Geschäftsmänner, beide gläubige Christen, standen einander zunehmend feindselig gegenüber, indem jeder seine eigenen Handlungen rechtfertigte und die Missetaten des anderen beklagte.”
Auf Vorschlag dieses Anwalts wandte man sich an Ken’s Organisation, die sich auf Mediation auf christlicher Grundlage spezialisiert hat. Schließlich willigten Bill und Steve ein, sich mit einem christlichen Mediatorenteam, bestehend aus einem Baumeister, einem Geschäftsmann, und einem Anwalt, zu treffen.
Um die Geschichte abzukürzen: am Tag nachdem eine Einigung erzielt worden war, brachte Ken Sande einige Akten zurück zum Büro eines der beteiligten Anwälte. Der Anwalt fragte ihn, “Was ist da drüben passiert? Die Kerle haben sich mehr als ein Jahr bitterlich bekämpft. Aber als Bill heute morgen hier war, war er wie ausgewechselt. Er sagte, Gott habe ihm seine Fehler gezeigt, und erzälte mir, welche Reparaturen er machen würde.”
Er fuhr fort, “Als ich ihn darauf hinwies, was Steve unrecht getan hatte, hat er ihn verteidigt! Ich habe noch nie sowas gesehen!”
Ken Sande stimmte ihm zu: es war tatsächlich der Herr, der durch die Mediation gewirkt hatte. Der Anwalt meinte, “Es mußte wohl Gott sein; ich weiß daß keiner dieser beiden von sich aus auch nur eine Handbreit aufgegeben hätte.”
Es mußte Gott sein.
- Gottes Leute müsen die Einheit in der Gemeinde wollen und danach streben. Die Leiter müssen sie als eines der höchsten Ziele ihrer Arbeit wertschätzen.
- Einheit ist der Wunsch in Gottes Herzen für sein Volk. Jesus betete, “Laß sie zu vollendeter Einheit gelangen, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast.” (Johannes 17:23) Alles hängt von unserem Einssein ab, auch die Evangelisierung der Verlorenen.
- Das Volk Gottes muß lernen, wahre Einheit zu erkennen, und nicht auf billige Imitationen hereinzufallen. Wahre Einheit im Geist Gottes ist nicht unbedingt organisatorische Einheit, und ganz sicher nicht Konformität, Gleichförmigkeit. Wahre Einheit besteht nicht darin, Andersdenkende niederzuprügeln, sie läßt sich auch nicht mit Schablonen herstellen. Sie ist vielmehr Team-Fähigkeit: jeder macht seine Aufgabe, spielt seine Rolle, folgt den Leitern, und zähmt den Drang zur Selbstsucht.
- Leiter müssen sich darin eins sein, daß sie gegen jede Bedrohung der Einigkeit vorgehen werden, sobald sie sichtbar wird. Selbstsüchtigkeit, Murren und Rebellion bedrohen die Einheit jeder Organisation, und ganz besonders der Gemeinde. Auf der anderen Seite muß es aber Raum geben, damit ehrliche Meinungsverschiedenheiten ausgesprochen und gehört werden können.
- Wir sprechen hier von geistlicher Einheit. In unserem Text, Epheser 4,3, spricht Paulus von der “Einheit des Geistes.” So wie bei Steve und Bill, kann nur der Herr diese Einheit hervorbringen.
- Wir sollten Einheit als eine Harmonie unterschiedlicher Stimmen und Klänge sehen. Ich bin kein Musiker, aber ich verstehe genug davon, um zu wissen, daß eine Symphonie aus dreißig gleichen Stimmen, auf dreißig gleichen Instrumenten gespielt, langweilig sein würde. Das währe zwar Einheit, aber von der schlechtesten Sorte. Was eine Symphonie zu einem Klangerlebnis werden läszlig;t, ist der harmonische Zusammenklang vieler unterschiedlicher Stimmen.
- Es hat mit der Beziehung jedes Gliedes zum Haupt zu tun. Die Mitglieder eines Orchesters lesen alle die gleiche Partitur und folgen dem gleichen Dirigenten. Christen haben nur eine Bible, und nur einen Herrn, Jesus Christus selbst. In 1. Korinther 14:33 sagt Paulus, “Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.”
Wenn die Teile, die Glieder meines Leibes in der richtigen Beziehung zum Haupt stehen, und sich nach den Befehlen meines Gehirns und des Nervensystems richten, dann arbeiten alle gut und harmonisch zusammen. Wenn das geschieht, halte ich nicht inne und sage Dank für die Einheit meines Leibes. Genaugenommen denke ich gar nicht darüber nach, daß und wie mein Leib funktioniert. Ich tue einfach meine Arbeit. Einheit ist ein Mittel zum Zweck: sie erlaubt dem Leib, seine Arbeit zu tun. - Dieses Sprichwort wurde schon vielen christlichen Denkern und Autoren zugeschrieben; meine oberflächlichen Nachforschungen weisen auf Philipp Melanchthon hin, einen Kollegen Martin Luthers: “Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Nebensächlichen Freiheit, in allem aber Nächstenliebe.” Es ist so gut, daß er es wahrscheinlich von jemandem anderen augeborgt hat.
- Wenn Einheit im Leib einmal zur Realität geworden ist, muß man sie wertschätzen, bewahren, beschützen. Unser Text weist uns Christen an, “eifrig bemüht (zu sein), die Einheit des Geistes zu bewahren.” Und wie sollen wir das tun? “Im Band des Friedens.”
Bande sind Fesseln, vielleicht auch Ketten, die uns binden sollen. In der Gemeinschaft der Christen sind wir durch die Liebe aneinander gebunden.
“Über dies alles aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist.” (Kolosser 3,14) Etwas früher sagt Paulus zu den Gliedern der Kolosser Gemeinde, daß sie “in Liebe zusammengeschlossen” sind (Kolosser 2,2) - Unterordnung unter die Leiterschaft muß zu einer hochentwickelten Kunstform in der christlichen Gemeinde werden. Unter anderem heißt das, zu wissen, wann man die Entscheidung anderer anerkennen und annehmen muß, und wann man einen Strich ziehen soll und sagen, “Bis hierher und nicht weiter.”
“Ordnet euch einander unter in der Furcht Gottes!” (Epheser 5,21)
Ich ordne mich nicht Dir unter, oder umgekehrt, aus Respekt vor Deiner überlegenen Intelligenz oder vor deiner höheren Position, sondern “um Jesu willen.”
Ich habe mal beim Militär gefragt, warum man vor jedem Offizier salutiert, wenn es doch nicht jeder Offizier wirklich verdient. “Das ist die Ordnung der Dinge,” sagte ein Offizier. Ein anderer meinte, “Es geht um die gemeinsame Sache. Wenn wir es jedem einzelnen überlassen würden, zu entscheiden, wen er respektiert und wem er gehorcht, würde alles in Chaos abrutschen, und wir wären nicht bereit, im Falle des Falles den Feind zu besiegen.”
Wir ordnen uns unter um des Gemeinwohls willen: für die Ehre Christi, für die Einheit der Gemeinde, für die Effektivität unserer Arbeit, für die Ermutigung jedes einzelnen Gläubigen, für das Zeugnis gegenüber der Welt. Oh, und zum Mißfallen des Teufels. Das ist besonders angenehm: den Bösen in seine Ecke zu weisen. - Hier ist ein Zitat von A. W. Tozer: “Hundert religiöse Menschen, die durch gute Organisation zu einer Einheit zusammengeschmiedet werden, sind genausowenig eine Gemeinde, wie elf Leichen ein Fußballteam ergeben. Die erste Voraussetzung ist Leben, immer.”
- Nichts produziert Einheit in einer Gemeinde so schnell, wie alle Mitglieder an einem Projekt zusammenarbeiten zu lassen, an einem Strang ziehen zu lassen, unterwegs zu einem gemeinsamen Ziel.
Leute vom Land können Euch bestätigen daß ein Pack Jagdhunde hinten in einem Kastenwagen sich gegenseitig anknurren und streiten. Aber laßl; sie raus und setze sie auf die Spur eines Beutetiers, und sie arbeiten in vollkommener Harmonie zusammen. Hundebesitzer empfinden das Bellen ihrer Hunde auf der Spur einer Beute wie Musik in den Ohren.
Die Gemeinde muß ihre Gott-gegebene Aufgabe finden und sich an die Arbeit machen. Es wird Meinungsverschiedenheiten geben, aber nicht so schwerwiegend, wie wenn die Gemeinde kein gemeinsames Ziel hat.
In Frankreich nach dem 2. Weltkrieg hat Charles de Gaulle versucht, sein Volk zu einen. Er sagte, “Man kan einem Land, das 256 verschiedene Arten Käse hat, keine Einheit aufzwingen.” - Es ist möglich, eine Art von Einheit herzustellen, indem man gegen Dinge, Menschen, und Trends ist. Ich kenne einige Gemeinden, die ihre Energie davon erhalten, gegen alles zu sein, was in ihrer Stadt geplant oder vorgeschlagen wird. =
Irgendwo habe ich den Satz gehört, “Politik ist organisierter Haß; so entsteht Einheit.” Nun ja, es ist wohl eine Art Einheit — aber Gottes Volk soll nicht in erster Linie durch das gekennzeichnet sein, was sie ablehnen.
Das Evangelium von Jesus heißt nicht umsonst “gute Nachricht.” Obwohl wir alles ablehnen müssen, was ungesund und tödlich ist, soll man uns doch in erster Linie an unserer Liebe und Einheit erkennen. - Als Außenstehende sahen, wie die Gemeinde in Jerusalem mit inneren Spaltungen schnell und positiv umging, waren sie beeindruckt. Nachdem die Gemeinde den Streit um die Benachteiligung einiger Witwen in der Verteilung von Lebensmitteln gelöst hatte, “mehrte sich die Zahl der Jünger sehr in Jerusalem; auch eine große Zahl von Priestern wurde dem Glauben gehorsam.” (Apostelgeschichte 6,7)
Es sollte unser Ziel sein, als Gemeinde ein Vorbild für die Auswirkung von Liebe und Treue zu sein, so sehr, daß Außenstehende haben wollen, was wir haben, daß sie auch teilhaben wollen an dem, was wir gefunden haben. - Diese Art von Einheit entsteht nicht über Nacht oder automatisch. Pastoren und Lehrer müssen ihrer Gemeinde diese Grundsätze und Ziele ständig vor Augen halten.
Pastoren und andere Leiter müssen sich bemühen, diese Grundsätze zu demonstrieren, wenn in der Gemeinde Konflikte aufbrechen — und das werden sie. Indem sie das tun, können sie andere darauf hinweisen, was sie tun, um welche biblischen Grundsätze es dabei geht, und daß das die “neue Norm” ist.
Das ist ein Grund, warum Pastoren lange in einer Gemeinde bleiben sollen. Ein Grund dafür, daß manche Gemeinden nie in Tiefe, Reife, oder Mitgliederzahl wachsen, ist der häufige Wechsel der Leiterschaft.
In den Worten Nietzsches, und einem Buchtitel von Eugene Peterson, das Ziel ist “ein langer Gehorsam in der gleichen Richtung.” - Schließen wir mit dem schwierigsten Vers in der ganzen Bibel, Hebräer 13,17:
“Gehorcht euren Leitern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch!”
Leiter werden vor Gott stehen und Rechenschaft ablegen für die Menschen, die sie geführt, gelehrt, und betreut haben. Ein furchterregender Gedanke.
Christen werden Rechenschaft ablegen dafür, wie sie sich den Leitern untergeordnet haben, die Gott über die Gemeinde gestellt hat (siehe Apostelgeschichte 20,28). Noch ein furchterregender Gedanke.
Niemand hat gesagt, daß es leicht sein würde.
Einheit ist ein Werk Gottes.
Dr. Joe McKeever ist Prediger, Karikaturist, und Missionsdirektor im Ruhestand der Baptist Association of New Orleans, Louisiana, USA. Dieser Artikel erschien am 15. April 2010 auf Dr. McKeever’s Blog, www.joemckeever.com. Copyright © 2010 Joe McKeever. Übersetzt von Wolf Paul.



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