Evangelikal??
2009-06-05 - wnp - 3 Kommentare
In letzter Zeit ist der Begriff “evangelikal” im deutschen Sprachraum ins Gerede gekommen. Agitatoren für verschiedene gesellschaftliche Strömungen haben sich auf die evangelikale Bewegung und ihre wertkonservativen Standpunkte eingeschossen. Manchen Christen ist das extrem unangenehm, und zunehmend werden auch im evangelikalen Lager Stimmen laut, diesen Begriff aufzugeben.
Aber es hat schon früher angefangen — ich erinnere mich, schon vor einigen Jahren in der Zeitschrift der deutschen Baptisten einen Artikel des Evangelisten Andreas Malessa (eine Hälfte des ehemaligen christlichen Gesangsduos Arno & Andreas) gelesen zu haben, in dem er den Begriff “evangelikal” mit “fundamentalistisch” gleichsetzt, und sich davon distanziert.
Kürzlich hat nun die Präsidentin der deutschen “Vereinigung Evangelischer Freikirchen”, die methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner, festgestellt, daß sich einige Mitglieder der VEF nicht als evangelikal bezeichnen, und der VEF-Beauftragte am Sitz der deutschen Bundesregierung hat gemeint, dass der Begriff “evangelikal” als Marke versagt habe, weil er zu diffus gebraucht würde.
Meiner Meinung nach geht das alles in die falsche Richtung.
Abgesehen davon, daß wir in Österreich nicht darum herumkommen, einen Begriff wie “evangelikal” zu verwenden, weil die Evangelische Kirche in Österreich Anspruch auf ein rechtliches quasi-Monopol an der Bezeichnung “evangelisch” erhebt, halte ich den Begriff für eine unumgängliche Identifizierung mit der weltweiten evangelikalen Bewegung und sehe nicht ein, warum wir uns diese Bezeichnung vermiesen lassen sollen.
Wenn die Medien den Begriff “evangelikal” mit “fundamentalistisch” gleichsetzen, und uns dann in einem Atemzug mit islamistischen Terroristen nennen, dann ist die richtige Reaktion nicht der Rückzug, sondern sehr lauter und entschiedener Widerspruch.
Wenn die Lobby der Homosexuellen und der Abtreibungsbefürworter sich wie kürzlich beim Christlichen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg gegen evangelikale Positionen stark macht und mit Aktionen, die von extrem schlechtem Geschmack zeugen, versucht, die Rechte von Christen und christlichen Organisationen zu beschränken, dann ist es nicht an der Zeit, unser Licht unter den Scheffel zu stellen und Begriffe wie “evangelikal” zu vermeiden, sondern wir müssen demokratische Verhaltensweisen einfordern von denen, die pikanterweise uns Intoleranz und andere verächtliche Haltungen vorwerfen.
Ich glaube auch, daß wir als nicht-fundamentalistische evangelikale Christen zu weit gehen können in unserer Abgrenzung und Distanzierung von tatsächlich fundamentalistischen Christen und christlichen Gruppen. Wir dürfen nie vergessen, ganz egal wie groß unsere Meinungsverschiedenheiten sind, und egal wie sehr diese Leute uns kritisch gegenüberstehen, daß auch sie größtenteils wohlmeinende, ernsthafte Jünger Jesu sind und Teil des Leibes Christi. Denn laßt uns ganz ehrlich sein: auch die engstirnigsten, fundamentalistischsten Gruppen, zumindest in unseren Breiten, haben überhaupt nichts mit dem Schreckgespenst eines christlichen Fundamentalismus nach dem Muster des islamistischen Fundamentalismus zu tun.
In Anbetracht dieser Gedanken freut es mich umso mehr, daß der “Chef-Theologe” der deutschen Evangelischen Allianz, Rolf Hille, in einem Beitrag der Zeitschrift der FEG*, ganz ähnliche Gedanken ausdrückt, und ich mich daher mit meiner Meinung in guter Gesellschaft befinde.
*) Der Link geht zu einem Artikel in “Die Gemeinde”, Zeitschrift der deutschen Baptisten, wo über Hille’s Artikel in der FEG-Zeitschrift berichtet wird; der Original-Artikel scheint nicht frei im Netz verfügbar zu sein.



3 Kommentare
Alexander Basnar
2009-11-26 um 08:43
Brauchen wir den Begriff “evangelikal” wirklich? Angenommen, wir begegnen einem Christen aus der römischen Kirche, der einen ebenso herzlichen Glauben wie wir hat. Ist der dann “evangelikal”? Würde er oder sie sich selbst zu bezeichnen? Eher nicht. Wir würden aber im Gebrauch dieses Begriffs den Eindruck erwecken, ihn für uns vereinnahmen zu wollen – obwohl er doch bereits von Christus vereinnahmt worden ist.
Eine andere Frage: Ist es möglich ein untreuer Evangelikaler und trotzdem ein treuer Christ zu sein? Ich denke schon, vorausgesetzt, dass “evangelikal” ein Bekenntnis, gegründet auf menschlicher Einsicht ist, das aufgrund dessen auch Irrtümer beinhalten kann (bzw. beinhaltet). Ein Beispiel: Viele amerikanische Evangelikale befürworten den Militärdienst und sind “Hurra-Patrioten”. Jemand, der das christliche Gebot der Feindesliebe ernstnimmt, muss hier zwangsläufig aus dem (dortigen) evanglikalen Konsens ausscheren, ist aber (zumindest in diesem Punkt) ein treuer Christ.
Das Etikett “evangelikal” ist also nicht besonders hilfreich, außer um die Gräben, die in der Christenheit bestehen, zu unterstreichen. Wenn es aber darum geht, zwischen wahrhaft gläubigen Christen und Namenschristen, zwischen treuen und lauen Jüngern zu unterscheiden, taugt diese Bezeichnung nicht. Man könnte ebensogut darauf verzichten …
Die Welt wird sich auch schwerer tun, uns zu diffamieren, wenn sie ein “Kategoriewort” weniger hat, in das sie uns einordnen kann. “Christ” ist immer noch eher positiv besetzt, und noch ist es eher unüblich, pauschal das Christentum schlecht zu machen.
Indem Christus derselbe ist für Katholiken und Protestanten, ist ein Etikett wie “evangelikal” auch Ihm gegenüber nicht richtig. Ich habe selbst länger gebraucht, das zu verstehen .. Bitte versteh das nicht als herablassende Kritik. Ich will nur anregen, keine Kämpfe zu führen, die nicht die unseren sind. Nicht jede Kritik an den “Evangelikalen” ist unberechtigt, weshalb wir für diese “Marke” auch nicht bedingungslos einstehen sollten. Und wenn die Evangelischen ihre “Eigenmarke” “evangelisch” verteidigen wollen, dann sollen sie (der Herr wird das beurteilen). Der Name “Christ” ist so ziemlich der einzige, der nicht mit konfessionellen Urheberrechten geschützt ist.
Wenn wir uns jedoch einfach “Christen” nennen, bezeugen wir, dass wir an Christus genmessen werden wollen (und nicht an menschlich-konfessionellen Übereinkünften). Und hier müssen wir alle demütig werden …
in Ihm verbunden
Alexander
wnp
2009-11-27 um 22:14
Ich erhebe nirgends den Anspruch, dass “evangelikal” und “wahrer Christ” oder “treuer Christ” dasselbe ist, und daher kann ein roemisch-katholischer Christ selbstverstaendlich ein “wahrer” und “treuer” Christ sein, wenn er Jesus nachfolgt.
Auf eine Diskussion des Patriotismus amerikanischer Evangelikaler (und anderer) lass ich mich hier nicht ein; da liegt manches im argen, andererseits ist es auch nicht so einfach, dass ein Ernstnehmen des Gebots der Feindesliebe zwangslaeufig Militaerdienst ausschliesst.
Solange wir als Menschen unterschiedliche Meinungen, und auch unterschiedliche Sichtweisen des Christseins und der biblischen Botschaft, haben und vertreten, sind Bezeichnungen wie “Evangelikal”, “Evangelisch”, “Katholisch”, aber auch “Gemeinde Christi” und “taeuferisch” nuetzlich und berechtigt.
Ohne Dich auf bestimmte Positionen einengen zu wollen, hilft es mir, zu verstehen, woher Du kommst, wenn ich weiss, dass Du
wnp
2009-11-27 um 22:17
Ich erhebe nirgends den Anspruch, dass “evangelikal” und “wahrer Christ” oder “treuer Christ” dasselbe ist, und daher kann ein roemisch-katholischer Christ selbstverstaendlich ein “wahrer” und “treuer” Christ sein, wenn er Jesus nachfolgt.
Auf eine Diskussion des Patriotismus amerikanischer Evangelikaler (und anderer) lass ich mich hier nicht ein; da liegt manches im argen, andererseits ist es auch nicht so einfach, dass ein Ernstnehmen des Gebots der Feindesliebe zwangslaeufig Militaerdienst ausschliesst.
Solange wir als Menschen unterschiedliche Meinungen, und auch unterschiedliche Sichtweisen des Christseins und der biblischen Botschaft, haben und vertreten, sind Bezeichnungen wie “Evangelikal”, “Evangelisch”, “Katholisch”, aber auch “Gemeinde Christi” und “taeuferisch” nuetzlich und berechtigt.
Ohne Dich auf bestimmte Positionen einengen zu wollen, hilft es mir, zu verstehen, woher Du kommst, wenn ich weiss, dass Du in deinem Denken taeuferische Elemente und solche von der Gemeinde Christi vereinst. Und vielen anderen hilft es zu verstehen, woher ich komme, wenn ich mich als “evangelikal” bezeichne.
Wenn wir uns einfach “Christen” nennen, weiss der Durchschnittsmensch ueberhaupt nicht, was wir glauben — denn er selbst, der praktisch nix glaubt, bezeichnet sich auch als Christ — schliesslich ist er kein Mohammedaner oder Kommunist. Auch ein Strache nennt sich Christ!
Gib einen Kommentar ab